Zum Weltkindertag Kinder stärken und Ausgrenzung durch Armut verhindern
Kinderschutzbund Bayern gibt zehn Tipps für einen armutssensiblen Alltag in Familien, Kitas, Schulen und Vereinen
München, 15. September 2026 – „Das kostet doch nur fünf Euro.“ Ein beiläufiger Satz kann für Familien mit wenig Geld eine Hürde sein. Ob Kindergeburtstag, Schulmaterial oder Vereinsausflug: Kosten und unausgesprochene Erwartungen können Kinder ausschließen. Zum Weltkindertag am Sonntag, 20. September, ruft der Kinderschutzbund Landesverband Bayern dazu auf, solche Barrieren im Alltag abzubauen. Zehn praktische Tipps zeigen, wie Eltern und Einrichtungen Kindern Teilhabe ermöglichen können, ohne sie oder ihre Familien bloßzustellen.
„Nicht alle Kinder starten gleich. Ein fehlender Stift, eine unbezahlte Ausflugsgebühr oder die Absage beim Kindergeburtstag sagen nichts darüber aus, wie sehr sich Eltern um ihr Kind kümmern. Armutssensibel handeln heißt, die eigenen Erwartungen zu hinterfragen, aufmerksam nachzufragen und gemeinsam Lösungen zu finden“, sagt Alexandra Schreiner-Hirsch, pädagogische Leitung beim Kinderschutzbund Landesverband Bayern.
Kinderrechte zeigen sich im Alltag
Armutssensibilität bedeutet, unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten mitzudenken – in der Sprache, bei der Planung von Angeboten und im persönlichen Umgang. Für Bildungsgerechtigkeit ist das entscheidend: Kinder brauchen Zugang zu Lernmaterialien, Förderung und gemeinsamen Erlebnissen. Wer aus Kostengründen nicht mitmachen kann, verpasst auch Gelegenheiten, Neues zu entdecken und Freundschaften zu stärken.
„Kinder sollen dazugehören, ohne erklären zu müssen, dass zu Hause das Geld für einen Ausflug oder ein Angebot fehlt. Wenn wir Angebote von Anfang an für unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten planen, ersparen wir Familien, immer wieder um Ausnahmen bitten oder selbst nach Unterstützungsmöglichkeiten suchen zu müssen. So können wir auch verhindern, dass Eltern aus finanzieller Not keinen anderen Ausweg sehen, als ihr Kind für einen Ausflug krankzumelden“, so Schreiner-Hirsch.
Zehn Tipps für einen armutssensiblen Alltag
Für Eltern, pädagogische Fachkräfte und Engagierte in ganz Bayern:
- Die eigene Sprache prüfen. Sätze wie „Das kann sich doch jeder leisten“ setzen voraus, dass alle Familien die gleichen Möglichkeiten haben. Besser ist: „Was brauchen wir, damit alle mitmachen können?“ Auch Begriffe wie „sozial schwach“ vermeiden: Wenig Geld sagt nichts über die Fähigkeiten oder den Zusammenhalt einer Familie aus.
- Nachfragen statt vorschnell urteilen. Fehlendes Material oder eine abgesagte Teilnahme nicht automatisch als Desinteresse werten. In einem vertraulichen Gespräch offen fragen: „Gibt es etwas, das die Teilnahme erschwert?“ Unterstützung anbieten, ohne eine Erklärung zur finanziellen Situation einzufordern. Familien entscheiden selbst, was sie erzählen möchten.
- Alle Kosten vorab berücksichtigen. Bei Ausflügen, Festen und Vereinsangeboten neben Eintritt und Teilnahmegebühr auch Fahrt, Verpflegung und Ausrüstung mitdenken. Kosten frühzeitig und vollständig nennen. Möglichst kostenfreie Angebote wählen oder die Finanzierung für alle vorab klären, damit niemand erst um eine Sonderlösung bitten muss.
- Kindergeburtstage ohne finanziellen Druck gestalten. Eltern können schon auf der Einladung deutlich machen: „Wir freuen uns, dass du kommst. Ein Geschenk ist nicht nötig.“ Kosten für eingeladene Kinder vollständig übernehmen und auf teure Wunschlisten verzichten. Auch in Kita und Schule Geburtstagsrituale so gestalten, dass weder aufwendige Mitbringsel noch Geldgeschenke erwartet werden.
- Unterschiedliche Lebenswelten sichtbar machen.Statt „Wohin seid ihr in den Urlaub gefahren?“ fragen: „Was habt ihr in den Ferien erlebt?“ Bei Erzählrunden und Aufgaben keine Reisen, ein eigenes Zimmer oder teure Hobbys voraussetzen. Erlebnisse auf dem Spielplatz oder zu Hause verdienen ebenso viel Interesse wie eine Urlaubsreise.
- Materialien und Ausrüstung für alle zugänglich machen.Kitas, Schulen und Vereine können Stifte, Bücher, Instrumente oder Sportausrüstung zum Ausleihen bereitstellen. Solche Angebote allen zugänglich machen, damit ihre Nutzung niemanden als bedürftig kennzeichnet. Bei Lernaufgaben mitdenken, dass zu Hause möglicherweise kein Drucker, Computer oder ruhiger Arbeitsplatz vorhanden ist.
- Hilfen diskret und verständlich anbieten.Alle Familien regelmäßig über Zuschüsse, Leihangebote oder kostenfreie Aktivitäten informieren – in einfacher, klarer Sprache. Eine feste Ansprechperson nennen und bei Bedarf Unterstützung beim Ausfüllen von Anträgen anbieten. Offene Zahlungen und finanzielle Fragen ausschließlich vertraulich mit Erwachsenen klären, niemals über das Kind oder vor der Gruppe.
- Kinder nach ihren Wünschen fragen.Kinder beteiligen, wenn Ausflüge, Projekte oder Freizeitangebote geplant werden. Fragen: „Was möchtet ihr gemeinsam machen?“ und „Was braucht ihr dafür?“ Erwachsene klären die Finanzierung. Kein Kind sollte vor anderen begründen müssen, warum es sich ein Angebot nicht leisten kann.
- Bei Beschämung und Ausgrenzung eingreifen.Abwertende Bemerkungen über Kleidung, Handys oder das Pausenbrot nicht stehen lassen. Klar benennen, dass niemand wegen seines Besitzes ausgelacht oder ausgeschlossen wird. Mit Kindern über unterschiedliche Lebensbedingungen sprechen, ohne einzelne Familien als Beispiel herauszustellen oder ihre finanzielle Situation offenzulegen.
- Armutssensibilität zur festen Gewohnheit machen. In Elternbeirat, Kita, Schule oder Verein regelmäßig prüfen: Welche Kosten entstehen? Wer kann unsere Angebote womöglich nicht nutzen? Können Familien Bedenken vertraulich ansprechen? Gemeinsame Regeln zu Geschenken, Ausflügen und Materialien vereinbaren und Rückmeldungen nutzen, um Hürden dauerhaft abzubauen.
Teilhabe braucht verlässliche Unterstützung
Aufmerksamkeit im Alltag kann Ausgrenzung verhindern. Um Kinderarmut und ungleiche Bildungschancen zu bekämpfen, braucht es zugleich politische Verantwortung. Der Kinderschutzbund Landesverband Bayern unterstützt deshalb die Forderung des Bundesverbandes im Rahmen der Kampagne „Wen kümmert’s?“: Bund, Länder und Kommunen müssen die Kinder- und Jugendhilfe verlässlich und bedarfsgerecht ausstatten. Für Bayern heißt das, erreichbare Beratungs- und Unterstützungsangebote für Familien zu sichern und Kindern unabhängig vom Einkommen der Eltern Zugang zu Bildung und Teilhabe zu ermöglichen.
Hintergrundinformationen und Interviewpartner:
Journalist:innen, die mehr über die Arbeit des DKSB erfahren möchten, können sich direkt an den Kinderschutzbund wenden. Ansprechpartner stehen für Interviews und Gespräche bereit.
Pressekontakt:
Sarah Abicht
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Der Kinderschutzbund Landesverband Bayern e.V. ist Dachverband für 58 Orts- und Kreisverbände. Er ist Mitglied im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband und anerkannter freier Träger der Kinder und Jugendhilfe nach §75 SGB VIII. Im Bundesverband des Kinderschutzbundes sind 16 Landesverbände und über 430 Orts- und Kreisverbände vertreten. Bundesweit haben sich über 50.000 Mitglieder zusammengeschlossen, die mit über 15.000 Ehrenamtlichen und rund 7.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine kindgerechte Zukunft schaffen wollen. Der Kinderschutzbund (DKSB) hat sich seit seiner Gründung 1953 in Hamburg zur größten Lobby für Kinder in Deutschland entwickelt. Er setzt sich für die Rechte aller Kinder ein. Dabei macht er keinen Unterschied zwischen Herkunft, Geschlecht, Konfession, Behinderung und Nichtbehinderung.
Der DKSB versteht sich als moderner Dienstleister und bietet Kindern und deren Familien in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und Einrichtungen zahlreiche Hilfsangebote und Projekte an. Darüber hinaus leistet er auf politischer Ebene Lobbyarbeit und informiert Politiker, Medien und Öffentlichkeit über Missstände. Mehr unter www.kinderschutzbund-bayern.de.
